Dienstag, 20. Mai 2014

[Anleitung] Koptische Bindung

Nachdem ich schon gezeigt habe, wie die klassischen Einbände gemacht werden, möchte ich heute einmal eine Anleitung für eine Bindung mit einem offenen Buchrücken anbieten. Diese haben den Vorteil, dass man mit dem Material für die Buchdeckel sehr flexibel ist. Von einem etwas stärkeren Karton bis hin zu Holzdeckeln ist hier vieles möglich. Für unser Beispiel habe ich jedoch ganz klassisch Buchdeckel aus Graupappe ausgewählt, um das Hauptaugenmerk auf die Bindung zu legen. Durch die Möglichkeit, das fertige Buch komplett flach aufschlagen zu können, bieten sich weitere gestalterische Möglichkeiten, doch dazu mehr am Ende dieser Anleitung. Eine der einfachsten Varianten einer Bindung mit offenem Buchrücken ist die koptische Bindung, die aber sehr schöne Ergebnisse liefert.
Kommen wir zunächst einmal zu den Materialien und Werkzeugen, die wir brauchen:
  • Buchbinderzwirn (ein starkes Leinenzwirn, welches gewachst ist, damit es gut durch das Papier gleitet)
  • Buchbindernadel (eine Nähnadel tut es hier zur Not auch)
  • im Idealfall ein Falzbein (zur Not kann man mit dem Daumennagel falzen)
  • eine Ahle (zum Vorstechen der Löcher, man kann sich hier aber auch mit einer Nadel behelfen)
  • Kaschierleim (wir verwenden dazu Planatol Elasta N)
  • Graupappe
  • Überzugpapier für die Deckel
  • Papier für den Buchblock
  • Leimpinsel 
  • Cutter
  • Lineal
Zunächst fassen wir immer so viele Lagen Papier zu einer Heftlage zusammen, wie wir sie mit der Nadel ohne große Probleme durchstechen können (wie bei der Fadenheftung bieten sich hier vier oder fünf Blatt an). Zwar ist es hierbei nicht so wichtig, wie bei den klassischen Einbandarten, auf die korrekte Laufrichtung zu achten, aber wenn möglich, dann sollte diese auch bei dieser Bindung parallel zum Buchrücken verlaufen. Die einzelnen Heftlagen werden nun Ecke auf Ecke gefalzt.

Für den "Einband" brauchen wir zwei Deckel. Dazu schneiden wir aus der Graupappe zwei Stücke, die an allen Seiten drei bis fünf Millimeter über die Heftlagen hinausragen. Da die Graupappe nicht so schön ist, schneiden wir für jeden der beiden Deckel ein Stück Papier für die Außenseiten so zurecht, dass es auf allen Seiten 1,5 bis 2 Zentimeter übersteht. Für die Innenseiten der Deckel schneiden wir ein Stück Papier so zurecht, dass es die selbe Größe hat, wie die gefalzten Heftlagen.

Zuschnitt für die Buchdeckel
Das Papier zum Beziehen der Außenseiten der Buchdeckel bestreicht man nun gleichmäßig und nicht zu dick mit Kaschierleim, legt die Graupappe mittig auf, schneidet die Ecken so ab, dass diese etwas mehr als die Pappendicke überstehen und schlägt die Kanten auf allen vier Seiten ein (erst oben und unten, dann vorne und hinten - dabei geht man so vor, wie dies in der Anleitung für einen Halbgewebeband beschrieben ist).

Position der Graupappe auf dem Bezugspapier
Als nächstes bestreicht man das Papier für die Innenseiten der Deckel mit Leim und platziert es mittig auf der noch nicht bezogenen Seite der Deckel. Nun bietet es sich an, den Leim erst etwas trocknen zu lassen.

Damit beim Vorstechen die Lochabstände immer gleich sind, sollte man diese auf einem Papier- oder Pappstreifen anzeichnen, der so hoch ist wie die Heftlagen, und so ein Heftschema erstellen. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Da die Deckel auch am Rücken etwas über die Heftlagen herausragen sollen, legt man nun die Vorstechschablone so auf, dass sie einen Abstand von etwa drei bis fünf Millimetern zum Rand hat (je nachdem wie man die Pappe für die Deckel zugeschnitten hat). Nun sticht man die Löcher für die Heftung durch die Deckel vor.

Das Heftschema mit einem der Deckel
Beim Vorstechen der Heftlagen legt man die Schablone immer in die Mitte der Lage und sticht dann die Löcher für die Heftung von innen nach außen (genauer beschrieben ist auch dies in der Anleitung für die Fadenheftung).

Nun sind die Vorarbeiten erledigt. Als nächstes schneiden wir ein Stück Zwirn ab, das mindestens so lang ist, wie alle Heftlagen zusammen hoch sind (am besten gibt man hier 1,5 mal die Höhe einer Heftlage zu, abgeschnitten hat man überstehenden Faden am Ende schnell). Nach dem Einfädeln des Heftzwirns in die Heftnadel kann man dann beginnen.

Der Anfang beim Heften
Zuerst sticht man mit der Nadel durch das erste Loch der ersten Heftlage von innen nach außen. Dann führt man den Faden um den Deckel herum und sticht von außen nach innen durch das erste Loch in der Graupappe. Als nächstes sticht man durch das erste Loch der Heftlage von außen wieder nach innen. Hat man den Faden fast komplett durchgezogen, dann kann man beide Enden des Zwirns fest verknoten. Der Faden wird nun in der Heftlage zum nächsten Loch geführt. Bei diesem geht man genauso vor: von innen nach außen durch die Heftlage, um den Buchdeckel und von außen nach innen durch diesen hindurch; zuletzt wieder von außen nach innen durch die Heftlage. Dies wiederholt man für alle vorgestochenen Löcher der ersten Heftlage bis auf das letzte.

Bevor wir zur zweiten Lage kommen, ziehen wir den Zwirnfaden vorsichtig straff.

 
Zweite Heftlage
Beim letzten Loch der ersten Heftlage führt man den Faden nicht mehr in die erste Heftlage zurück, sondern man sticht direkt in die zweite Lage. Hier führt man den Faden innen zum zweiten Loch und sticht von innen nach außen durch dieses hindurch. Nun sticht man hinter der Schlaufe der ersten Lage vorbei und führt den Heftfaden wieder durch das Loch, durch das man eben nach außen gestochen hat. Man führt den Faden im Inneren der Lage zum nächsten Loch und wiederholt dies, bis man beim letzten Loch der Lage angekommen ist.

Ergänzung zum letzten Loch: Wenn ihr beim letzten Loch seid und den Faden in das Loch der nächsten Lage führen wollt, dann führt den Faden unter dem Faden durch, der aus dem Loch herauskommt. Dies verleiht mehr Stabilität. Eine ergänzende Erklärung dazu findet ihr in diesem Eintrag.

Vorgehen bei den übrigen Heftlagen außer der letzten
Nun zieht man den Heftfaden wieder vorsichtig straff. Beim letzten Loch wird der Heftfaden wieder in die nächste Heftlage geführt. Dort geht es dann weiter wie beschrieben: von innen nach außen durch die Heftlage, hinter der Schlaufe der vorhergehenden Heftlage hindurch und durch dasselbe Loch in die Heftlage zurück. Dies wiederholt man für alle Heftlagen bis auf die letzte, wobei man immer am Ende einer Heftlage den Zwirn vorsichtig straff zieht.

Letzte Heftlage
Korrigierte Version der Zeichnung oben
Hier noch die korrigierte Version der Zeichnung zum hoffentlich besseren Verständnis für die Fadenführung.

Ist man nun beim letzten Loch der vorletzten Lage angelangt, dann nimmt man als nächstes sowohl die letzte Heftlage, als auch den zweiten Buchdeckel zur Hand. Nachdem man den Faden hinter der Schlaufe aus der vorvorletzten Lage vorbeigezogen hat, sticht man von innen nach außen durch das erste Loch des Deckels und erst danach durch das entsprechende Loch der letzten Heftlage. Auch hier wird der Heftzwirn im Inneren der Heftlage zum nächsten Loch geführt. Dort sticht man von innen nach außen durch die Heftlage, führt den Faden hinter der Schlaufe aus der vorletzten Lage vorbei, sticht von innen nach außen durch den Deckel und dann wieder in die Heftlage zurück. Dies wiederholt man bis man zum letzten Loch gekommen ist. Dort sticht man auch in die selbe Heftlage zurück (es gibt ja keine nächste Heftlage), zieht den Faden straff und verknotet ihn im Innern der Lage mit dem Faden, der durch das Loch nach außen geführt wurde.

Am Ende schneidet man die etwas langen Fadenenden ab, wobei man ca. einen Zentimeter stehen lassen sollte. Nun hat man ein fertiges Buch in koptischer Bindung vor sich.

Das Endergebnis
Das Buch läßt sich sehr gut aufschlagen
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle noch bei der Basteltante für die tollen Zeichnungen, ohne die diese Anleitung nicht denkbar gewesen wäre. Vielleicht hat ja die oder der Eine oder Andere von Euch Lust, seine Ergebnisse zu präsentieren. Über Rückmeldung würde ich mich in jedem Fall freuen.

Als kleine Anregung hier noch ein Beispiel, was man mit einer koptischen Bindung realisieren kann:

Aufgeschlagen sieht das dann so aus:
Hier wurde die Möglichkeit, das fertige Buch komplett flach aufschlagen zu können gestalterisch eingesetzt.

Ein weiteres Beispiel für eine koptische Bindung sieht man auf den folgenden Bildern:
Dabei handelt es sich um ein Werk der Basteltante. Wie die Deckel hergestellt werden, beschreibt sie in einer eigenen Anleitung. Auch auf das Motiv auf dem Buchrücken wird dort näher eingegangen.

Ich hoffe, einige Anregungen gegeben zu haben.

Bis bald,

Der Bücheronkel

Material: Prägepapier aus Japan und schwarzes Leinenzwirn vom örtlichen Papierladen
Anleitung für einen Buchblock in Fadenheftung
Anleitung für einen Halbgewebeband
Anleitung Buchdeckel mit Aluminiumfolie beziehen




Wir freuen uns über Fotos von euren Werken, die ihr mit Hilfe unserer Anleitungen gemacht habt, und würden sie gerne an unsere Pinnwand pinnen. :) Wenn ihr Lust habt, sendet uns dazu einfach euer Foto per e-mail an diebasteltante@sags-per-mail.de oder verratet uns den Link, wo wir euer Foto finden können.
  

Kommentare:

  1. Ich freue mich, wenn Ihr bei der Sommerpost dabei seid und das Niveau in die Höhe treibt! Toll diese Anleitung, das wollte ich auch schon lange lernen, vielleicht ist die Sommerpost die Gelegenheit dazu... Und ja, klar leere Bücher zum Selberfüllen sind gefragt!
    Grüße von Michaela

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    Antworten
    1. Endlich habe ich die koptische Bindung ausprobiert: schaut mal hier:
      http://muellerinart.blogspot.de/2015/01/koptisches-gellibuch.html
      aber ich muss noch viel üben! Woran liegt es wohl, dass sich das Buch nicht richtig schließt?
      Ist es zu fest geheftet? Trotzdem sind zwischen den Heftlagen Lücken...
      Nicht so einfach, weiter üben!
      Danke für die Anleitung. Liebe Grüße von Michaela

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  2. Vielen Dank für diese gute Anleitung.
    Die Linien auf dem Rücken sehen aus wie gehäkelt. Dieses Sternenbuch ist eine phantastische Idee, ich glaube, so eine Sternenbuchbastelei werde ich mit für die Weihnachtszeit gönnen.
    Liebe Grüße
    Heidi

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